Die Hexe in der Papierwelt 

Palomo Paloma

edizione ondina

124 Seiten Euro 9,51
ISBN 3-935553-06-4

 

edizione ondina

Erzählung
im Stile des
phantastischen Realismus

Stellen Sie sich einmal vor Sie seien ein Verwaltungsfachmann, ein Lehrer oder auch ein Schriftsteller. Und Sie sind nicht mehr ganz tauffrisch, haben schon einige Zeit in ihrer bleichen Welt aus Papier gelebt als braver Familienvater. Und dahinein bricht durch einen komischen Zufall und durch das Objektiv einer Kamera eine Zauberfrau. Und die wirbelt alles durcheinander. Hätten Sie von Anfang an gewusst, dass es eine Hexe ist, hätten Sie gleich die Finger davon gelassen. Aber hinterher kann man gut klüger sein - aber vielleicht auch froh, dass man es von Anfang an nicht gewusst hat. Was hätte man da nicht alles versäumt!

Es ist also eine Hexe die auf dem Besen - Verzeihung auf dem Staubsauger natürlich, dem man ist schließlich eine moderne Hexe und geht mit der Zeit - zwischen den Buchstaben dieses Buches herum kurvt. Und es geht um die Frage wie weit kann sie in seine schwarzweiße Welt eindringen, und inwieweit kann er ihr in ihre kunterbunte Welt folgen.

Es ist eine sehr heitere Hexe, was nicht bedeutet das alles, was mit ihr heiter anfängt, dann auch heiter ausgeht. Es ist eine Hexe die bezaubern kann, und die bezaubernd ist.

Dies faszinierende Buch ist witzig und traurig zugleich - letzteres fast bis zum Tode. Es wirkt unbeschwert und erscheint zugleich tief belastend, es ist ungemein leicht verständlich geschrieben und nicht in allen Punkten ganz leicht zu verstehen. Es ist frech und mutig und dennoch voller Angst. Es ist wahr, wie wenig andere Bücher und verlogen, wie kein anderes. Und es ist darum so geworden, weil es die Begegnung schildert eines Menschen mit einer Hexe,
mit einer Hexe, die zugleich schön und hässlich ist - in Wirklichkeit und im Foto;
mit einer Hexe, von der er alles weiß, nur nicht, dass sie eine Hexe ist;
mit einer Hexe, die Sie, wenn Sie das Buch gelesen haben, vielleicht lieben, vielleicht auch hassen, die ihnen aber in jedem Falle nicht mehr gleichgültig ist. Und das ist das Höchste und zugleich auch das Äußerste, was ein Buch bewirken kann, dass einem etwas nicht mehr gleichgültig ist.

Palomo Paloma:


Über sich selbst und über die Poesie des

 

phantastischen Realismus

Ich bin ein Dichter - oder vielleicht auch eine Dichterin. Ich bin alt - oder vielleicht auch jung. Ich liebe die Nacht - oder vielleicht auch den Tag. Ich möchte nichts über mich verraten. Oder vielleicht all das zur Schau stellen, was man sonst nicht zeigt. Deshalb habe ich auch ein Pseudonym gewählt.
Aber das ist sicherlich klar erkennbar, dass ich mich unter dem Künstlernamen Palomo Paloma, oder auch Palomo, Paloma, verberge.
Poesie und Dichtung - das sind recht altmodische Worte. Und sie erscheine hier, eben altmodisch wie sie sind, in einem durch und durch neumodischen Medium auf dieser Website. Aber gerade diese Spannungsbogen, gespannt zwischen urväterlichen Geheimnissen und moderner Existenz - ist die Kraft, die die Erzählungen des magischen Realismus zum Leben erweckt. Mythisch anmutende Charaktere in einer technischen Welt.
Das Thema ist nicht neu. Schon Shakespeare hat sich damit herumgeschlagen, und natürlich auch Goethe, vor allem aber Novalis und seine Zeitgenossen. Aber in unserer Zeit hat das Thema eine neue Aktualität und verlangt nach neuen Bildern.
Ich habe Imaginationen, also bin ich. Die Moderne strukturiert technisch und administrativ die Umwelt. Aber das Imaginative bricht spontan in diese geregelte Welt ein und wirbelt sie durcheinander. Und das ist Leben und das ist Poesie. Leben ist Poesie und Poesie ist Leben.

Das Thema ist nicht neu. Schon Shakespeare hat sich damit herumgeschlagen, und natürlich auch Goethe, vor allem aber Novalis und seine Zeitgenossen. Aber in unserer Zeit hat das Thema eine neue Aktualität und verlangt nach neuen Bildern.
Ich habe Imaginationen, also bin ich. Die Moderne strukturiert technisch und administrativ die Umwelt. Aber das Imaginative bricht spontan in diese geregelte Welt ein und wirbelt sie durcheinander. Und das ist Leben und das ist Poesie. Leben ist Poesie und Poesie ist Leben.
Das Thema ist nicht neu. Schon Shakespeare hat sich damit herumgeschlagen, und natürlich auch Goethe, vor allem aber Novalis und seine Zeitgenossen. Aber in unserer Zeit hat das Thema eine neue Aktualität und verlangt nach neuen Bildern.
Ich habe Imaginationen, also bin ich. Die Moderne strukturiert technisch und administrativ die Umwelt. Aber das Imaginative bricht spontan in diese geregelte Welt ein und wirbelt sie durcheinander. Und das ist Leben und das ist Poesie. Leben ist Poesie und Poesie ist Leben. 

Leseprobe aus der Erzählung

Die Hexe in der Papierwelt

Meine Hexe heißt Basia.
Verstehen Sie wie ich das meine?
Meine Hexe heißt Basia!
Da ich einer von den Schriftstellern bin, die meinen ihren Lesern alles genau erklären zu müssen, werde ich Ihnen diesen Satz Wort für Wort auseinander pflücken:

"Meine" - schauen Sie, da war ich schon ungenau. Hexen sind nicht mein oder dein. Hexen kann man nicht haben. Mit denen ist es umgekehrt - die haben einen. Und insofern war oder ist sie also doch meine. Nur "meine" im Sinne von "mein für immer", damit ist es bei Hexen natürlich nichts. Aber das wissen Sie ja aus eigener Erfahrung, falls Sie die eine oder andere Hexe persönlich gut kennen.

"Hexe" - sind Sie wirklich ganz sicher, dass Sie wirklich genau wissen, was das eigentlich ist? Vorsichtshalber will ich doch ein paar Worte dazu sagen:
Eine Hexe ist eine Naturerscheinung. Manche Hexen sind wie ein plötzlicher Regenguss, der ebenso überraschend abbricht, wie er eingesetzt hat, oder wie eine Sturmböe oder wie eine zarte und zugleich hurtige Welle, die an einem windstillen Tag über das Wasser hinweg gekräuselt. Andere sind eher wie eine rasende Wirbelwindhose, wie eine hoch gischtende Brandungswelle bei nur mäßig bewegter See, oder auch wie ein niedlicher kleiner Hurrikan, oder wie das unerwartete Rascheln von Blättern im Windhauch. Wieder andere Hexen haben von allem ein bisschen was - natürlich in unterschiedlichem Ausmaße, die einen zum Beispiel mehr vom Wässrigen, die anderen mehr vom Windigen und dazu noch - na ja, so ziemlich feurig sind sie eigentlich alle. Aber das ist ja allgemein bekannt - ich will hier keine Hexen auf den Blocksberg tragen! Und doch haben manche keine roten Haare. Begegnet man so einer, kann das besonders schwierig werden, weil man mitunter gar nicht merkt, dass man eine Hexe vor sich hat und gerade deswegen war es ja, weswegen ich unbedingt dieses Buch schreiben musste - wie man so sagt "um einem dringenden Bedürfnis abzuhelfen".
Oh heilige Hexe steh' mir bei! Solch Behörden-Deutsch darf ich gar nicht schreiben, denn Hexen, die hassen die Behörden wie die Pest - ist ja auch klar, schon wegen der langjährigen schlechten Erfahrungen in weiter zurück-liegenden Zeitläuften.
Schlechte Erfahrungen? Schlechte Hexen? Ich höre Sie schon fragen: "Wie ist das eigentlich? Sind Hexen nun gut oder schlecht? Man hört da so ganz unterschiedliches!" Was soll ich schon darauf antworten? Ist eine Sturmböe gut oder schlecht? Ist ein säuselnder Wind gut oder schlecht? Wer käme denn schon auf die Idee, ein Naturereignis irgendwie vom Moralischen her zu beurteilen? Hexen sind außerhalb, vielleicht auch jenseits aller Moral! Sie können sich zwar freuen, über das was sie angerichtet haben oder es kann ihnen auch Leid tun - aber das ändert alles nichts daran, dass sie weiter durch die Gegend reiten, fegen, sausen, purzelbaumen - ganz so als hätten sie nie zuvor erfahren, was es heißt etwas anzurichten, so als hätten sie sich nie zuvor darüber gefreut oder hätte es ihnen nie zuvor Leid getan.

"Aber wie ist das mit dem Aussehen? Sind Hexen eigentlich schön oder hässlich?" Das ist auch wieder so eine Sache: Sie sind zugleich schön und zugleich hässlich. Darüber werde ich Ihnen noch einiges zu berichten haben, wiewohl natürlich selbst die eindringliche Beschreibung, niemals ihre ureigene Erfahrung mit dem Hexenwesen ersetzen kann.
"Und das Alter von Hexen? Sind sie eigentlich jung oder alt?" Meines Wissens sind sie selten unter dreißig, manchmal etwas älter, aber meist nicht viel. So zwischen dreißig und vierzig, das ist das richtige Hexen-Alter. Gewiss, das gilt für weibliche Hexen. Was männliche Hexen anbelangt - damit habe ich persönlich keine nähere Erfahrungen machen können. Es soll früher überhaupt keine Hexeriche gegeben haben. Aber in neuerer Zeit scheint man sich schon aus emanzipatorischen Gründen in den entscheidenden Kreisen Gedanken über die effektive Förderung des männlichen Hexenwesens zu machen. Doch welche Altersgruppe männliche Hexen bevorzugen, darüber kann ich wirklich nichts sagen - wäre sicherlich nicht uninteressant. Falls Sie nähere Informationen darüber haben sollten, senden Sie mir doch bitte einen Leserbrief per Adresse Verlag. Das Thema ist aktuell!
Und noch ein Frage: "Wie ist das mit der Sterblichkeit? Leben Hexen ewig oder müssen sie auch einmal sterben?" Hexen sind unsterblich und sterblich zugleich: Man hat sie, wie Sie wissen, oft verbrannt, doch die Flammen können ihnen nichts anhaben. Was da verbrennt sind nur leere Hüllen, so was wie Puppen, die ihnen gleichsehen. Sie selbst reisen in so einem Falle auf einem feurigen Besen zurück in ihr Land.
Doch manchmal rumoren in ihnen gewaltige Energien. Sie wollen oft nicht das, was sie können und - vor allem - sie können oft nicht das was sie wollen. Und diese Spannung kann sich so steigern, dass sie sich selbst zerreißen und in tausend Fetzen auseinanderfliegen. Bisweilen bekommt eine Hexe so eine unbändige Lust ihr Nicht-Können und ihr Nicht-Wollen zugleich zu hätscheln und zu pflegen, und zu begießen, wachsen und wachsen zu lassen, bis nur noch eine lockende Fata Morgana ihres eigenen Unterganges vor ihrem inneren Auge flimmert und sie sich dem Genuss ihrer Selbstzerstörung hingibt. Doch weil sie die Zeit anhalten kann, vermag sie den Genuss des Zerspringens auszudehnen und auszudehnen bis in alle Ewigkeit.

"Heißen" - ja nun heißen, das heißt doch einen Namen haben. Ich heiße Palomo und Sie? Weiß zwar nicht wie Sie heißen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass auch Sie einen Namen haben. Und den brauchen Sie auch, schon um sich von anderen zu unterscheiden. Wären alle Menschen genau gleich, dann benötigten Sie auch keinen Namen. Dann könnte ich zu Ihnen oder Sie zu mir einfach Mensch sagen. Sehen Sie - und die Hexen, die sind auch nicht alle gleich, das sind nicht so einfach nur Hexen. Gerade das ist aber etwas, was manche Stückeschreiber nicht richtig zu sehen scheinen. Dieser Shakespeare da zum Beispiel! In seinen Dramen numeriert er die Hexen so ganz phantasielos durch:
Erste Hexe, zweite Hexe, dritte Hexe und so weiter und so fort. Ich meine, das geht überhaupt nicht oder doch entschieden zu weit. "Hey - old fellow - lass Dir sagen: Jede Hexe hat ihre ganz ureigene personality! Und deshalb "heißt" sie auch!
Every witch has a name! Geht gar nicht anders!"

"Basia" - nun sind sie natürlich neugierig, woher ich weiß, wie meine Hexe heißt. Ganz einfach, weil sie es mir gesagt hat, gleich beim ersten Mal als wir uns trafen und das kam so: Ich lief in meinem Studio auf und ab und sprach mit mir selbst: "Palomo" sagte ich zu mir, "Palomo" wie willst Du eigentlich den Artikel illustrieren, den du gerade geschrieben hast und eigentlich schon ganz dringend hättest abschicken müssen. Du brauchst also" - dies immer noch zu mir selbst - "eine passende Idee und ein passendes Modell - einigermaßen gut erhalten muss es sein und hübsch sollte es sein, denn schließlich soll Dir das Fotografieren auch ein bisschen Spaß machen! Aber wie sollte die Dame aussehen? Schwarz? Rot? Blond?" Am besten - so dachte ich mir - wäre es, zunächst mal eine Kleinbildkamera auf ein Stativ zu setzen. Ich nahm also eine alte Spiegelreflex-Kamera, einen Typ, der jetzt gar nicht mehr zu haben ist, höchstens als mehr oder weniger günstige Gelegenheit in einer Abteilung für Gebrauchtkameras oder über eine Kleinanzeige in einer Fotozeitschrift.
Das alles erzähle ich Ihnen nur deshalb so ausführlich, weil es vielleicht ein bisschen zu tun hat, mit dem was dann geschah. Im nachhinein bin ich allerdings so ganz sicher nicht, ob das nicht auch mit irgendeiner anderen Kamera hätte passieren können - etwa mit einer vollautomatischen System-Kamera mit sechs Belichtungsprogrammen und Autofocus-Scharfeinstellung, oder vielleicht sogar mit einer Digitalkamera. Zwar habe ich ansonsten hinsichtlich der Hexen-Beschwörung - auf etwas in der Art sollte das dann doch hinauslaufen! - mit all den anderen Kameratypen keinerlei persönliche Erfahrung, und ich schreibe immer nur über das, was ich selbst ausprobiert habe, das können Sie mir glauben, es ist alles die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit, was Sie hier lesen - aber da in all' diesen Kameras gelegentlich der Teufel steckt, das weiß ich nun wirklich ganz genau, warum sollte man dann damit keine Hexen beschwören können?
Nun gut - ich schraube also dieses Gerät aufs Stativ, setze ein lichtstarkes Fernobjektiv 2,8/180 mm ein und blicke durch den Sucher. Ja und dann habe ich sie auch sofort gesehen. Sie saß auf einem Stuhl, die Beine übereinander geschlagen und guckte freundlich auf mich. Richtig - Sie haben recht gehört, sie guckte mich nicht an, sonder sie guckte auf mich - so mit einem ganz typischen Ausdruck, den man eben einfach nicht als angucken sondern nur als Auf-Mich-Gucken bezeichnen kann - so empfinde ich es wenigstens, ich weiß auch nicht so recht wie das kommt - aber irgendwie ist man als Autor ja auch der Sklave seines Sprachgefühls. "Hallo Palomo", sagt sie zu mir, ich bin Basia!" Und dieses "Palomo" - das sagt sie so nett, dass ich von dem Tage an meinen Vornamen, den ich bis dahin als nicht sonderlich attraktiv empfunden hatte, ganz gerne höre.
Eins war mir jedoch irgendwie nicht ganz klar: Sehen Sie - drei Meter Abstand bis zur Studio-Wand, und dann per Hundertachtzig-Millimeter-Fernobjektiv ein Mensch im Sucherbild - und zwar in ganzer Größe, wohl auf einem Stuhl sitzend, aber immerhin komplett im Bild! Irgendwas stimmt doch da nicht! Da dürfte doch eigentlich nur der Kopf zu sehen sein. So etwas kann einen schon stutzig machen. Ich nehme also das Auge vom Sucher - und siehe da, da sitzt sie da, ganz einfach so da in voller Größe und Lebendigkeit.
Sie wundern sich, dass ich mich nicht weiter gewundert habe? Kein Wunder! Aber ich hielt sie damals - und nun wirklich verwunderlicherweise eigentlich die ganz Zeit über - für eine meiner Musen, die mich von Zeit zu Zeit küssen, was aber im Grunde genommen eine weitgehend ätherische Angelegenheit ist. Und da war es doch naheliegend, dass eine von ihnen die nette Idee gehabt hat, sich' mal persönlich in einer etwas kompakteren Erscheinungsform, nicht nur immer so als Lufthauch, vorzustellen - und wenn ich ehrlich bin: Eigentlich hatte ich schon lange auf so etwas gewartet, im Grunde genommen sogar schon ein Vierteljahr früher, zu der Zeit nämlich, als mich alle guten Musen eine Zeit lang ziemlich im Stiche gelassen hatten. Da wird sich doch wenigstens eine mal zeigen und sich so ein bisschen entschuldigen, vielleicht wegen Arbeitsüberlastung bei meinen Kollegen oder so. Doch nichts dergleichen war damals passiert und so musste ich jetzt davon ausgehen, dass mir die Muse Basia aus meiner Modell-Verlegenheit helfen wollte - so als eine Art von Wiedergutmachung! Hinzu kommt nämlich - und das bestärkte mich in dieser Annahme - dass sie wirklich haargenau das ideale Modell für den beabsichtigten Zweck war, noch besser geeignet sogar, als ich mir das je selbst hätte ausdenken können. Wie zu erwarten, ist der bewusste Beitrag dann auch ein voller Erfolg geworden. Wenn Sie mich fragen - ich führe das nur auf die Abbildungen zurück. Selbst noch in der Druck-Wiedergabe sprang aus den Fotos etwas direktes über, so etwas Greifbares, das man richtig anfassen konnte. Wenn das betreffende Heft aufgeschlagen auf dem Schreibtisch in meinem Studio lag, dann mochte ich hinsehen oder wegblicken, mich auf meine Schreib-Arbeiten konzentrieren oder die Decke anstarren - ich hatte ständig das eigenartige Gefühl, als ob jemand freundlich auf mich guckte. Selbst wenn ich den Bildern den Rücken zuwendete, war der Eindruck in mir lebendig, dass mir jemand den Rücken streichelte - allerdings nur ganz ganz zart. Diese Streichelei machte sich dann selbstständig, krabbelte vom Rücken aus die Arme entlang und um die Arme herum, umkreiste den Bauch, drehte seine Spiralen um meine Oberschenkel und sank schließlich herunter um an meinen Fußsohlen herum zu kitzeln. Kein Körperteil blieb unberührt. Es war das gleiche Gefühl, das in mir fast immer dann aufstieg, wenn Basia selbst anwesend war und auf mich guckte.


Leseprobe aus der Erzählung

Die Hexe in der Papierwelt


Meine Hexe heißt Basia.
Verstehen Sie wie ich das meine?
Meine Hexe heißt Basia!
Da ich einer von den Schriftstellern bin, die meinen ihren Lesern alles genau erklären zu müssen, werde ich Ihnen diesen Satz Wort für Wort auseinander pflücken:

"Meine" - schauen Sie, da war ich schon ungenau. Hexen sind nicht mein oder dein. Hexen kann man nicht haben. Mit denen ist es umgekehrt - die haben einen. Und insofern war oder ist sie also doch meine. Nur "meine" im Sinne von "mein für immer", damit ist es bei Hexen natürlich nichts. Aber das wissen Sie ja aus eigener Erfahrung, falls Sie die eine oder andere Hexe persönlich gut kennen.

"Hexe" - sind Sie wirklich ganz sicher, dass Sie wirklich genau wissen, was das eigentlich ist? Vorsichtshalber will ich doch ein paar Worte dazu sagen:
Eine Hexe ist eine Naturerscheinung. Manche Hexen sind wie ein plötzlicher Regenguss, der ebenso überraschend abbricht, wie er eingesetzt hat, oder wie eine Sturmböe oder wie eine zarte und zugleich hurtige Welle, die an einem windstillen Tag über das Wasser hinweg gekräuselt. Andere sind eher wie eine rasende Wirbelwindhose, wie eine hoch gischtende Brandungswelle bei nur mäßig bewegter See, oder auch wie ein niedlicher kleiner Hurrikan, oder wie das unerwartete Rascheln von Blättern im Windhauch. Wieder andere Hexen haben von allem ein bisschen was - natürlich in unterschiedlichem Ausmaße, die einen zum Beispiel mehr vom Wässrigen, die anderen mehr vom Windigen und dazu noch - na ja, so ziemlich feurig sind sie eigentlich alle. Aber das ist ja allgemein bekannt - ich will hier keine Hexen auf den Blocksberg tragen! Und doch haben manche keine roten Haare. Begegnet man so einer, kann das besonders schwierig werden, weil man mitunter gar nicht merkt, dass man eine Hexe vor sich hat und gerade deswegen war es ja, weswegen ich unbedingt dieses Buch schreiben musste - wie man so sagt "um einem dringenden Bedürfnis abzuhelfen".
Oh heilige Hexe steh' mir bei! Solch Behörden-Deutsch darf ich gar nicht schreiben, denn Hexen, die hassen die Behörden wie die Pest - ist ja auch klar, schon wegen der langjährigen schlechten Erfahrungen in weiter zurück-liegenden Zeitläuften.
Schlechte Erfahrungen? Schlechte Hexen? Ich höre Sie schon fragen: "Wie ist das eigentlich? Sind Hexen nun gut oder schlecht? Man hört da so ganz unterschiedliches!" Was soll ich schon darauf antworten? Ist eine Sturmböe gut oder schlecht? Ist ein säuselnder Wind gut oder schlecht? Wer käme denn schon auf die Idee, ein Naturereignis irgendwie vom Moralischen her zu beurteilen? Hexen sind außerhalb, vielleicht auch jenseits aller Moral! Sie können sich zwar freuen, über das was sie angerichtet haben oder es kann ihnen auch Leid tun - aber das ändert alles nichts daran, dass sie weiter durch die Gegend reiten, fegen, sausen, purzelbaumen - ganz so als hätten sie nie zuvor erfahren, was es heißt etwas anzurichten, so als hätten sie sich nie zuvor darüber gefreut oder hätte es ihnen nie zuvor Leid getan.

"Aber wie ist das mit dem Aussehen? Sind Hexen eigentlich schön oder hässlich?" Das ist auch wieder so eine Sache: Sie sind zugleich schön und zugleich hässlich. Darüber werde ich Ihnen noch einiges zu berichten haben, wiewohl natürlich selbst die eindringliche Beschreibung, niemals ihre ureigene Erfahrung mit dem Hexenwesen ersetzen kann.
"Und das Alter von Hexen? Sind sie eigentlich jung oder alt?" Meines Wissens sind sie selten unter dreißig, manchmal etwas älter, aber meist nicht viel. So zwischen dreißig und vierzig, das ist das richtige Hexen-Alter. Gewiss, das gilt für weibliche Hexen. Was männliche Hexen anbelangt - damit habe ich persönlich keine nähere Erfahrungen machen können. Es soll früher überhaupt keine Hexeriche gegeben haben. Aber in neuerer Zeit scheint man sich schon aus emanzipatorischen Gründen in den entscheidenden Kreisen Gedanken über die effektive Förderung des männlichen Hexenwesens zu machen. Doch welche Altersgruppe männliche Hexen bevorzugen, darüber kann ich wirklich nichts sagen - wäre sicherlich nicht uninteressant. Falls Sie nähere Informationen darüber haben sollten, senden Sie mir doch bitte einen Leserbrief per Adresse Verlag. Das Thema ist aktuell!
Und noch ein Frage: "Wie ist das mit der Sterblichkeit? Leben Hexen ewig oder müssen sie auch einmal sterben?" Hexen sind unsterblich und sterblich zugleich: Man hat sie, wie Sie wissen, oft verbrannt, doch die Flammen können ihnen nichts anhaben. Was da verbrennt sind nur leere Hüllen, so was wie Puppen, die ihnen gleichsehen. Sie selbst reisen in so einem Falle auf einem feurigen Besen zurück in ihr Land.
Doch manchmal rumoren in ihnen gewaltige Energien. Sie wollen oft nicht das, was sie können und - vor allem - sie können oft nicht das was sie wollen. Und diese Spannung kann sich so steigern, dass sie sich selbst zerreißen und in tausend Fetzen auseinanderfliegen. Bisweilen bekommt eine Hexe so eine unbändige Lust ihr Nicht-Können und ihr Nicht-Wollen zugleich zu hätscheln und zu pflegen, und zu begießen, wachsen und wachsen zu lassen, bis nur noch eine lockende Fata Morgana ihres eigenen Unterganges vor ihrem inneren Auge flimmert und sie sich dem Genuss ihrer Selbstzerstörung hingibt. Doch weil sie die Zeit anhalten kann, vermag sie den Genuss des Zerspringens auszudehnen und auszudehnen bis in alle Ewigkeit.

"Heißen" - ja nun heißen, das heißt doch einen Namen haben. Ich heiße Palomo und Sie? Weiß zwar nicht wie Sie heißen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass auch Sie einen Namen haben. Und den brauchen Sie auch, schon um sich von anderen zu unterscheiden. Wären alle Menschen genau gleich, dann benötigten Sie auch keinen Namen. Dann könnte ich zu Ihnen oder Sie zu mir einfach Mensch sagen. Sehen Sie - und die Hexen, die sind auch nicht alle gleich, das sind nicht so einfach nur Hexen. Gerade das ist aber etwas, was manche Stückeschreiber nicht richtig zu sehen scheinen. Dieser Shakespeare da zum Beispiel! In seinen Dramen numeriert er die Hexen so ganz phantasielos durch:
Erste Hexe, zweite Hexe, dritte Hexe und so weiter und so fort. Ich meine, das geht überhaupt nicht oder doch entschieden zu weit. "Hey - old fellow - lass Dir sagen: Jede Hexe hat ihre ganz ureigene personality! Und deshalb "heißt" sie auch!
Every witch has a name!
Geht gar nicht anders!"

"Basia" - nun sind sie natürlich neugierig, woher ich weiß, wie meine Hexe heißt. Ganz einfach, weil sie es mir gesagt hat, gleich beim ersten Mal als wir uns trafen und das kam so: Ich lief in meinem Studio auf und ab und sprach mit mir selbst: "Palomo" sagte ich zu mir, "Palomo" wie willst Du eigentlich den Artikel illustrieren, den du gerade geschrieben hast und eigentlich schon ganz dringend hättest abschicken müssen. Du brauchst also" - dies immer noch zu mir selbst - "eine passende Idee und ein passendes Modell - einigermaßen gut erhalten muss es sein und hübsch sollte es sein, denn schließlich soll Dir das Fotografieren auch ein bisschen Spaß machen! Aber wie sollte die Dame aussehen? Schwarz? Rot? Blond?" Am besten - so dachte ich mir - wäre es, zunächst mal eine Kleinbildkamera auf ein Stativ zu setzen. Ich nahm also eine alte Spiegelreflex-Kamera, einen Typ, der jetzt gar nicht mehr zu haben ist, höchstens als mehr oder weniger günstige Gelegenheit in einer Abteilung für Gebrauchtkameras oder über eine Kleinanzeige in einer Fotozeitschrift.
Das alles erzähle ich Ihnen nur deshalb so ausführlich, weil es vielleicht ein bisschen zu tun hat, mit dem was dann geschah. Im nachhinein bin ich allerdings so ganz sicher nicht, ob das nicht auch mit irgendeiner anderen Kamera hätte passieren können - etwa mit einer vollautomatischen System-Kamera mit sechs Belichtungsprogrammen und Autofocus-Scharfeinstellung, oder vielleicht sogar mit einer Digitalkamera. Zwar habe ich ansonsten hinsichtlich der Hexen-Beschwörung - auf etwas in der Art sollte das dann doch hinauslaufen! - mit all den anderen Kameratypen keinerlei persönliche Erfahrung, und ich schreibe immer nur über das, was ich selbst ausprobiert habe, das können Sie mir glauben, es ist alles die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit, was Sie hier lesen - aber da in all' diesen Kameras gelegentlich der Teufel steckt, das weiß ich nun wirklich ganz genau, warum sollte man dann damit keine Hexen beschwören können?
Nun gut - ich schraube also dieses Gerät aufs Stativ, setze ein lichtstarkes Fernobjektiv 2,8/180 mm ein und blicke durch den Sucher. Ja und dann habe ich sie auch sofort gesehen. Sie saß auf einem Stuhl, die Beine übereinander geschlagen und guckte freundlich auf mich. Richtig - Sie haben recht gehört, sie guckte mich nicht an, sonder sie guckte auf mich - so mit einem ganz typischen Ausdruck, den man eben einfach nicht als angucken sondern nur als Auf-Mich-Gucken bezeichnen kann - so empfinde ich es wenigstens, ich weiß auch nicht so recht wie das kommt - aber irgendwie ist man als Autor ja auch der Sklave seines Sprachgefühls. "Hallo Palomo", sagt sie zu mir, ich bin Basia!" Und dieses "Palomo" - das sagt sie so nett, dass ich von dem Tage an meinen Vornamen, den ich bis dahin als nicht sonderlich attraktiv empfunden hatte, ganz gerne höre.
Eins war mir jedoch irgendwie nicht ganz klar: Sehen Sie - drei Meter Abstand bis zur Studio-Wand, und dann per Hundertachtzig-Millimeter-Fernobjektiv ein Mensch im Sucherbild - und zwar in ganzer Größe, wohl auf einem Stuhl sitzend, aber immerhin komplett im Bild! Irgendwas stimmt doch da nicht! Da dürfte doch eigentlich nur der Kopf zu sehen sein. So etwas kann einen schon stutzig machen. Ich nehme also das Auge vom Sucher - und siehe da, da sitzt sie da, ganz einfach so da in voller Größe und Lebendigkeit.
Sie wundern sich, dass ich mich nicht weiter gewundert habe? Kein Wunder! Aber ich hielt sie damals - und nun wirklich verwunderlicherweise eigentlich die ganz Zeit über - für eine meiner Musen, die mich von Zeit zu Zeit küssen, was aber im Grunde genommen eine weitgehend ätherische Angelegenheit ist. Und da war es doch naheliegend, dass eine von ihnen die nette Idee gehabt hat, sich' mal persönlich in einer etwas kompakteren Erscheinungsform, nicht nur immer so als Lufthauch, vorzustellen - und wenn ich ehrlich bin: Eigentlich hatte ich schon lange auf so etwas gewartet, im Grunde genommen sogar schon ein Vierteljahr früher, zu der Zeit nämlich, als mich alle guten Musen eine Zeit lang ziemlich im Stiche gelassen hatten. Da wird sich doch wenigstens eine mal zeigen und sich so ein bisschen entschuldigen, vielleicht wegen Arbeitsüberlastung bei meinen Kollegen oder so. Doch nichts dergleichen war damals passiert und so musste ich jetzt davon ausgehen, dass mir die Muse Basia aus meiner Modell-Verlegenheit helfen wollte - so als eine Art von Wiedergutmachung! Hinzu kommt nämlich - und das bestärkte mich in dieser Annahme - dass sie wirklich haargenau das ideale Modell für den beabsichtigten Zweck war, noch besser geeignet sogar, als ich mir das je selbst hätte ausdenken können. Wie zu erwarten, ist der bewusste Beitrag dann auch ein voller Erfolg geworden. Wenn Sie mich fragen - ich führe das nur auf die Abbildungen zurück. Selbst noch in der Druck-Wiedergabe sprang aus den Fotos etwas direktes über, so etwas Greifbares, das man richtig anfassen konnte. Wenn das betreffende Heft aufgeschlagen auf dem Schreibtisch in meinem Studio lag, dann mochte ich hinsehen oder wegblicken, mich auf meine Schreib-Arbeiten konzentrieren oder die Decke anstarren - ich hatte ständig das eigenartige Gefühl, als ob jemand freundlich auf mich guckte. Selbst wenn ich den Bildern den Rücken zuwendete, war der Eindruck in mir lebendig, dass mir jemand den Rücken streichelte - allerdings nur ganz ganz zart. Diese Streichelei machte sich dann selbstständig, krabbelte vom Rücken aus die Arme entlang und um die Arme herum, umkreiste den Bauch, drehte seine Spiralen um meine Oberschenkel und sank schließlich herunter um an meinen Fußsohlen herum zu kitzeln. Kein Körperteil blieb unberührt. Es war das gleiche Gefühl, das in mir fast immer dann aufstieg, wenn Basia selbst anwesend war und auf mich guckte.

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